— Paragraphien

The Hyena & Other Men

Der heutige Staat Nigeria ist nicht mehr als eine Erfindung britischer Offiziere, die im Jahre 1861 ein paar Linien auf der Landkarte zogen und das so umrissene Gebiet nach einem ebenfalls willkürlich benannten Fluss tauften, der durch es hindurchfließt. Nicht unbedingt ein sinnvoll identitätsstiftender Gründungsakt, denn in vorkolonialer Zeit existierten innerhalb dieser Grenzen so verschiedene Staaten wie die Yoruba-Königreiche Oyo und Ife im Süden, Benin im Südwesten, das Kalifat von Sokoto im Nordwesten und die Emirate der Hausa im Norden, jedoch ebenfalls Gesellschaftsformen ganz ohne zentrale politische Autorität.

Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieses Land, bei dessen Erschaffung weder auf naturräumliche, noch sprachliche oder kulturelle Gegebenheiten Rücksicht genommen wurde, nach Erlangung seiner Unabhängigkeit anno 1960 in einem veritablen postkolonialen Chaos versank. Gewissermaßen gibt es Nigeria eigentlich gar nicht, und auch keine Nigerianier. Eine gemeinsame Identität als etwas kulturell über einen langen Zeitraum Gewachsenes ist beim besten Willen nicht erkennbar.

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Wand

Es fällt mir sehr schwer, mich genau zu erinnern. Man sagte mir, ich hätte die beiden vergangenen Jahre in einem Kellerverlies unterhalb des Grill Royal verbracht, hineinkonstruiert zwischen Vorratsräumen und Heizkeller, mit eigenem Luft- und Abwassersystem. Es war komplett eingerichtet mit weißen Möbeln, die exakt so aussahen wie aus der beliebten Billy-Reihe eines großen schwedischen Möbelhauses, jedoch viel besser verarbeitet waren. Bei Hochwasser schwappte die Spree durch das oben gelegene Fenster hinein und durchnässte das Strohlager und meine Notizen. Man mischte mir täglich Drogen ins Essen, wohl eine Mischung aus Peyote und Amphetaminen, und ich muss unfassbar viel Text produziert haben, ausgehend von den Manuskripten, die in den Schränken des Vorraumes gefunden wurden. Ich weiß noch, dass einmal im Monat ein Herr in einem gutgeschnittenen Anzug, das war wahrscheinlich der Herr von Eden, mit Pomade im Haar, vorbei kam, die aktuelle Produktion begutachtete und Verwendbares mitnahm. Ab und an schauten auch seine Kollegen, die Frau Eggers und der Herr Landwehr, herein, und lockerten die zumeist recht eintönige Kost aus Fleisch-, Kartoffel- und Salatresten mittels mitgebrachter Präsentkörbe aus dem Hause Butter Lindner auf.

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Anna Coleman Ladd

Der Titel des achten Romans von Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben (im Original Au revoir là-haut), ist dem Brief eines französischen Soldaten entnommen, den dieser kurz vor seiner Exekution als angeblicher Kriegsverräter im Jahre 1914 schrieb. Jedoch auch ohne Kenntnis dieses Details setzt der kurze Gruß eine signifikante thematische wie auch emotionale Klammer um die Handlung des Buches. Im vergangenen Jahr mit Frankreichs bekanntestem Literaturpreis, dem Prix Goncourt ausgezeichnet, porträtiert Wir sehen uns dort oben eine Gesellschaft, die darum bemüht ist, ihre Toten zu ehren und unterdessen ihre Lebenden, die Veteranen, vergisst. Mit seinem vergleichsweise schnellen Tempo und der Einflechtung von zeitgenössischem „Slang“ der 1920er-Jahre ist der Text dabei eher mit Lemaitres älteren Werken, allesamt erfolgreiche Kriminalromane und Thriller, zu vergleichen, und setzt sich damit auf untypische Weise ab von den meisten preisgekrönten Romanen der jüngsten Vergangenheit.

Wir sehen uns dort oben verknüpft zwei Erzählstränge miteinander, die beide am 2. November 1918 beginnen, kurz vor dem Waffenstillstand. Henri d’Aulnay-Pradelle, ein adeliger Leutnant der französischen Armee, hofft vor dem sich bereits deutlich abzeichnenden Ende des Krieges noch ein wenig Ruhm zwecks Förderung der eigenen Offizierskarriere einstreichen zu können, indem er seiner Einheit Befehle gibt, die ein taktisch eigentlich unnötiges Gefecht mit deutschen Truppen provozieren sollen. Dazu sucht er jeweils das jüngste wie das älteste Mitglied des Bataillons als Vorhut aus und schießt beiden während ihres Vorrückens heimlich aus der Deckung in den Rücken, um so den Rest seiner Männer, die dies für das Werk des Feindes halten, zum Angriff zu motivieren.

Zwei der Soldaten, Albert Maillard und Édouard Péricourt, sind zwar Zeugen von Pradelles „Methode“, werden jedoch kurz darauf beide schwer verwundet. Im Erdreich verschüttet, wird Albert von Édouard das Leben gerettet, indem dieser auf Alberts Körper springt, um so sein Herz zum Weiterschlagen zu animieren. Genau in diesem Moment trifft Péricourt ein Granatsplitter, der sein Gesicht beinahe vollständig zerstört.

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Es sind ja immer nur bestimmte Bilder, die haften bleiben. Und es ist eine Wissenschaft, über Momente zu sprechen, die aufgrund ihrer spezifischen Zusammensetzung einen Platz bewahrenswerter Einzigartigkeit zugewiesen bekommen, in der Erinnerung. Ihre Wertigkeit bestimmen sie selbst.

Ein sanfter Wind weht, von draußen, vom offenen Meer her, er ist warm und schafft es gerade so, unangestrengt die Häupter der Palmen in ein leichtes Schwingen zu versetzen. Es ist fast vollkommen still, nur die Wellen plätschern leise, fast zaghaft, und aus weiter Ferne, von irgendwo hinter den Hügeln, vermögen nur vereinzelte Fetzen von Sprache und Musik uns zu erreichen, abgehackt und unverständlich. In keiner der umstehenden Hütten brennt Licht, und so liegt die gesamte Bucht im Glanz des Mondes, silbrig angestrahlt, erstaunlich hell. Zwischen zerfließenden und immer neu entstehenden Ringen, Kreisen und Ellipsen wiegen sich leicht die Boote, fast unbemerkt, im angehaltenen Atem des Wassers hin und her.

[Fundstück, ca. 2001]

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American Dream

„Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann – wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, dass die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewickelte Spule, zusammengehalten hatten.“

Mit diesen Worten beginnt der Journalist George Packer den Prolog seines ambitionierten Sachbuchs, das in Gestalt einer Collage von Porträts und Stimmen den Zustand einer Nation abbildet, deren gesellschaftlicher Zusammenhalt in Auflösung begriffen scheint. Die Kernthese dabei ist, dass im Verlauf der vergangenen 35 Jahre die demokratischen Grundwerte der USA von den Verlockungen eines zügellosen Kapitalismus irreparabel untergraben wurden. Schlimmer noch: Der Sozialvertrag, der seit Franklin D. Roosevelts Sozialstaatsreformen galt, blieb dabei auf der Strecke: „Als die Abwicklung der Normen begann, auf denen die Nützlichkeit der alten Institutionen beruhte, und die Anführer ihre Stellungen räumten, löste sich die Roosevelt Republic, die beinahe ein halbes Jahrhundert lang das Leben beherrscht hatte, vollständig auf. Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld.“

Das „neue Amerika“, das in Die Abwicklung sichtbar wird, ist ein Flickenteppich aus gescheiterten Institutionen, betrügerischen Pyramidensystemen, Konkursen, Zwangsvollstreckungen, Unwissenheit und Angst. Das Grundgerüst des Buchs, beruhend auf Packers Reportagen für den New Yorker, sind die breit angelegten Lebensgeschichten „ganz normaler“ US-Bürger, die in ihrem Alltag begleitet werden. Diese Hauptfiguren sind Dean Price, ein Biodieselunternehmer aus North Carolina; die Fabrikarbeiterin Tammy Thomas aus Ohio im krisengeschüttelten „Rust Belt“ der Vereinigten Staaten; die von Sozialhilfe lebende Familie Hartzell aus Florida; der zunächst von politischen Idealen geleitete Jeff Connaughton, der sich jedoch zum gutverdienenden Lobbyisten in Washington wandelt; sowie der kalifornische PayPal-Mitgründer Peter Thiel.

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