— Paragraphien

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For a minute there I lost myself

Es klingelt an der Türe, ich öffne und Helmut Berger steht davor. Er geht grußlos an mir vorüber (vorbei?) in die Wohnung, zielstrebig Richtung Küche, wo er umgehend damit beginnt, das italienische Traditionsgericht Spaghetti Vongole zuzubereiten, um selbiges dann, nebst drei bis fünf Flaschen Stadlmann Zierfandler (dem Honivogl der Thermenregion), in sich hineinzuverbringen. Nach Verrichtung besagter Tätigkeiten wäscht er sich die Hände ausgiebig in Milch und verschwindet wieder, erneut grußlos, nun jedoch eine recht deutliche Note von Knoblauch und Lactat verströmend, im Treppenhaus.

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Ute Mahler/Ostkreuz

Man könnte sagen, dass hier die Geschichte einer amourösen Dreiecksbeziehung erzählt wird. Ebenso könnte man sagen, dass Die Gierigen, das mittlerweile neunte Werk der französischen Autorin Karine Tuil, ein Gesellschaftsroman ist, der die klassischen Fragen nach Identität und Erfolg in zeitgenössischen Variationen auslotet. Vielleicht sollte man sich mit einer Etikettierung des Texts aber auch gar nicht so eindeutig festlegen, denn genau wie in den Leben der Protagonisten sind auch hier solche Zuschreibungen eher Einschränkung als Erklärung.

Alles beginnt Mitte der 80er Jahre an der juristischen Fakultät in Paris. Dort treffen Samir, Samuel und Nina aufeinander. Samir ist der Sohn tunesischer Migranten, aufgewachsen in den ärmlichen Verhältnissen der Banlieue; Samuel das Kind eines jüdischstämmigen Intellektuellenpaars. (So jedenfalls glaubt er, bis er achtzehn ist.) Dazwischen die extravagante Nina, der ihre Schönheit und der Effekt, den diese auf Männer haben kann, schon immer selbst ein wenig unheimlich waren.

Nina und Samuel führen bereits eine Beziehung miteinander, als sie Samir kennenlernen. Zunächst ist das Paar auf rein platonische Art sehr angetan von Samir. Dann jedoch kommen Samuels Eltern, mit denen er seit seinem 18. Geburtstag kaum mehr ein Wort geredet hat, bei einem Autounfall ums Leben. Am ersten Tag seiner Volljährigkeit hatten sie ihrem orthodox erzogenen Sohn eröffnet, dass er adoptiert worden war und seine leibliche Mutter eine polnische Bauerstochter sei.

[…]

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Es klingelt an der Türe, ich öffne und Joachim Lottmann steht davor. Er geht grußlos an mir vorbei (vorüber?) in die Wohnung, zielstrebig in Richtung des Badezimmers, wo er ein Vollbad einlässt und für die folgenden zwei Stunden sich in selbiges hineinverbringt. Nach Ablauf besagten Zeitraums trocknet er sich ab, zieht seine Kleidung an und verschwindet wieder, erneut grußlos, aber nun angenehm duftend, im Treppenhaus.

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Es sind ja immer nur bestimmte Bilder, die haften bleiben. Und es ist eine Wissenschaft, über Momente zu sprechen, die aufgrund ihrer spezifischen Zusammensetzung einen Platz bewahrenswerter Einzigartigkeit zugewiesen bekommen, in der Erinnerung. Ihre Wertigkeit bestimmen sie selbst.

Ein sanfter Wind weht, von draußen, vom offenen Meer her, er ist warm und schafft es gerade so, unangestrengt die Häupter der Palmen in ein leichtes Schwingen zu versetzen. Es ist fast vollkommen still, nur die Wellen plätschern leise, fast zaghaft, und aus weiter Ferne, von irgendwo hinter den Hügeln, vermögen nur vereinzelte Fetzen von Sprache und Musik uns zu erreichen, abgehackt und unverständlich. In keiner der umstehenden Hütten brennt Licht, und so liegt die gesamte Bucht im Glanz des Mondes, silbrig angestrahlt, erstaunlich hell. Zwischen zerfließenden und immer neu entstehenden Ringen, Kreisen und Ellipsen wiegen sich leicht die Boote, fast unbemerkt, im angehaltenen Atem des Wassers hin und her.

[Fundstück, ca. 2001]

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>> [Montaigne]

Der Schweizer Bühnenautor hatte zum provençalischen Pflaumenhuhn geladen, draußen, in der Villa am See. Während die frühen ersten Gäste in der großen chromenen Institutsküche den verschiedenen ihnen zugewiesenen Zuarbeiten nachkamen, berichtete das recht junge Institutsfaktotum, welches, inkarniert in den schlaksigen Körper eines homosexuellen Rheinländers und in gewisser Weise naturgemäß, also sowohl seinem Wesen als auch seiner Rolle entsprechend, die eigentliche Kraft war, die den Betrieb (sowohl den auf die Villa bezogenen wie auch diesen anderen, größeren, noch abstrakteren) am Laufen hielt, während der eigentliche Institutsleiter die meiste Zeit auf seinem alten russischen Motorrad die umliegenden Wälder erkundete und ansonsten höchst selten, um genau zu sein, eigentlich nur, wenn offene Weinflaschen im Spiel waren, auf dem weitläufigen Parkgelände des Seegrundstücks in Erscheinung trat, wobei wiederum natürlich diese schwankende Stelle im System auch nicht unterzubewerten ist, gerade auch im Hinblick auf das Ausgleichen von Schwingungsbewegungen anderer älterer Herrschaften, sowohl das Gemüt betreffend wie auch die ganz konkrete Physis – jedenfalls berichtete das junge Institutsfaktotum also, während ich selbst Kartoffeln schälte und zugleich versuchte, aus den singulären Elementen „Flasche Madeira neben Kochtopf“, „mauretanisch geprägte blaue Muster auf den Kacheln“ sowie „Provence“ eine sinnvolle assoziative Kette zu bilden, von der soeben erfolgten Anfrage eines Redakteurs des „Stern“ (wahrscheinlich Stephan Maus, wie es ja immer Stephan Maus ist), ob denn nicht einer der Stipendiaten im Hause vielleicht Lust hätte, ein launiges Stück für den „Stern“ zu schreiben, und zwar über den weltberühmten Akteur Brad Pitt, der doch gerade, quasi ums Eck, in dem von seinem Kollegen, ja, guten Freund Tom Cruise gemieteten Anwesen logiere, und da böte es sich doch an, mal schauen zu gehen, vielleicht sähe man ja etwas.

Wenn nicht, sei es aber auch nicht schlimm, so oder so habe man doch bestimmt etwas von dem ganzen Brimborium mitbekommen, und irgendetwas werde doch irgendwem schon einfallen, diese jungen Schriftsteller hätten doch immer Ideen, schließlich sei dies doch ihr täglich Brot.

Dieser Bericht des Institutsfaktotums führte zu diversen, verschiedensten und doch einander ähnlichen Impulsen und Fragen, so der nach einer möglichen Entlohnung für besagten Artikel, aber auch Berichten über dunkle Limousinen sowie Personenschützer in den üblich schlecht sitzenden Anzügen und schließlich zu dem Beschluss, nach dem Essen einfach mal hinüberzugehen, vielleicht stehe der Herr Pitt ja gerade mit Bademantel im Garten und betrachte den Sternenhimmel, man wüsste ja nie.

Das provençalische Huhn hatte gerade den Ofen bezogen, als der letzte noch fehlende Gast zum sowohl arbeitsvermeidend wie auch dramaturgisch perfekten Zeitpunkt, nur mit einem rosafarbenen Hausmantel bekleidet, im Rahmen der Küchentür erschien. Ihre hellblond gefärbte 80er-Frisur mit Undercut hatte die genau adäquate Zerzaustheit, der überbordende Mascara den genau richtigen Grad von Zerwischtheit und das Rasiermesser in ihrer Hand den genau richtigen Grad von Blutverschmiertheit. Nur das Blut aus ihren Handgelenken wollte nicht so richtig fließen, noch nicht einmal von tropfen konnte man sprechen, eigentlich sogar konnte man sich fast fragen, ob denn da überhaupt ernsthaft geschnitten worden war.

[…]

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