— Paragraphien

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Tag "Rezension"

Family Issues

Die Geschichte der Juden auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist, unterbrochen nur von kurzen Blütephasen, größtenteils geprägt von Zwang, Unterdrückung, Pogromen und gewalttätigen Übergriffen. Als Ende der 1980er Jahre eine erneute Welle des Antisemitismus einsetzt, sahen sich viele dazu veranlasst, ihre Heimat nach der Öffnung der Grenzen zu verlassen.

In der BRD trat mit einem Beschluss der Innenministerkonferenz 1991 die sogenannte Kontingentflüchtlingsregelung für Juden aus der sich in Auflösung befindlichen UdSSR in Kraft, die es ermöglichte, einen permanenten Aufenthaltsstatus im wiedervereinigten Deutschland zu erhalten, was eine Arbeitserlaubnis sowie den Zugang zum deutschen Sozial- und Bildungssystem einschloss.

Und so entschieden sich, keine 50 Jahre nach dem Holocaust, rund eine Viertelmillion postsowjetischer Juden, sich ausgerechnet in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Dem Judentum im Kommunismus vielfach entfremdet, erwarteten sie sich bessere Zukunftsperspektiven.

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MetaMetaMeta

Das (in den USA äußerst erfolgreiche) Debüt des bisher hauptsächlich als Printredakteur und Fernsehautor tätigen J. Ryan Stradal ist zunächst einmal eine kulinarische Reise durch dessen Heimatregion, eben durch und in Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens. Hierbei entfaltet sich nicht nur ein wunderbares Panorama, bestehend aus Lokalkolorit und (auch familiären) Traditionen – mit Szenen wie beispielsweise todernsten Backwettbewerben in lutherischen Glaubenshäusern oder Teenagern, die zur Herstellung übelriechender Fischspezialitäten skandinavischer Provenienz gezwungen werden – sondern zugleich auch eine Chronik der Foodie-Kultur, welche in dieser Gegend der Vereinigten Staaten eine besonders große Rolle spielt. Und ganz am Ende geht es dabei natürlich um die starke Wechselwirkung von Essen, Familie und den wichtigsten Momenten in unseren Leben.

Zentraler Charakter hierbei ist Eva Thorvald, eine vom Thema „Food“ in gewisser Weise besessene junge Frau, die sich völlig ungeplant zu Amerikas berühmtester Köchin entwickelt. Dieser recht ungewöhnliche Weg wird in einer Abfolge von acht miteinander verbundenen Geschichten durch die jeweiligen Perspektiven verschiedener Figuren geschildert. Evas Rolle verändert sich dabei, je nachdem, wer gerade welche Episode erzählt. Einmal ist sie das Objekt großer Liebe, ein anderes Mal großer Verachtung, Neid oder auch Bewunderung.

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Olivetti, rot

Mitte der 1960er Jahre begann sich in den USA eine journalistisch-literarische Strömung zu entwickeln, die man mittlerweile rückwirkend mit dem Begriff „New Journalism“ etikettiert. Junge Autoren wie Tom Wolfe, Norman Mailer, Truman Capote, Joan Didion und Hunter S. Thompson nahmen die strenge Trennung von Fakten und Fiktion nicht mehr allzu ernst und begriffen die journalistische Darstellung tatsächlicher Ereignisse eher als Ausgangsmaterial, das sie mit literarischen Techniken wie dialogischem Erzählen, detaillierten Szenenkonstruktionen oder auch freien Gedankenassoziationen anreicherten. Plötzlich wurden die starren Grenzen zwischen Journalismus und Literatur – vielleicht auch zwischen Schreiben und Leben selbst – fließend. Besser schreiben hieß: näher „dran zu sein“ und für das Erlebte eine aufregende, neue Sprache zu finden.

Zudem kannten die Akteure des „New Journalism“ keine Berührungsängste mit der amerikanischen Alltags- und Populärkultur; sie machten sie vielmehr zu ihrem Gegenstand. Naturgemäß wurde das neue Genre vom konservativen Journalismus verdammt, da es mit heiligen Grundsätzen der Branche brach, mit Ausgewogenheit, Objektivität und kritischer Distanz.

Während in den USA der Journalismus derart ein wenig entstaubt wurde, verließ der 1952 geborene Helge Timmerberg die Schule mit der mittleren Reife, um anschließend von Bielefeld nach Indien zu trampen, wo er in einem Ashram im Himalaja beschloss, Journalist zu werden. Nach seiner Rückkehr begann er 1972 ein Volontariat bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld und landete schließlich beim Stern. Während dieser Zeit entdeckte er Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson, das ihn nachhaltig beeindruckte. In den folgenden Jahren reiste und schrieb Timmerberg für Publikationen wie Wiener, Playboy, Bunte und – Tempo.

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Paradies

Anfang 2015 lud Thomas von Steinaecker neun Kollegen dazu ein, mit ihm gemeinsam in einem Online-Erzählprojekt der realen Geschichte zweier junger Frauen, die sich dem IS in Syrien angeschlossen haben, nachzuspüren. Drei Wochen lang schrieben die Autoren Erzählkapitel und diskutierten über Traditionen politischen Schreibens, moralischen Anspruch und Grenzen von Literatur. Diese Fragen, respektive diejenige danach, was das Erzählen heutzutage sein kann (und sein soll?), ziehen sich gewissermaßen als roter Faden durch die Arbeiten des Autors.

Bereits sein Debüt Wallner beginnt zu fliegen hinterfragt, wie wir unsere Lebenswirklichkeit wahrnehmen – und wie damit umzugehen ist, wenn sich die Grenzen dessen, was wir als „real“ erfahren, verschieben und auflösen. Der Text dreht die klassische Blickrichtung des Familienromans um und gibt jeder der drei beteiligten Generationen ihre eigene Sprache. Doch welche dieser Erzählungen bildet es nun ab, das „wahre Leben“? Erinnerung und Lüge, Story und Legende, Realität und Fiktion werden ununterscheidbar.

Thomas von Steinaeckers zweiter Roman Geister lotet diese Thematik noch weiter aus und lässt seine Protagonisten im Grenzgebiet zwischen Realität, Tagtraum, Gedankenspiel und Parallelwelt umherwandeln. So erzählt der Text von einer Gesellschaft, die ständig neue Bilder und Versionen der eigenen Lebenswelt produziert und verweist bereits 2008 auf unsere Inszenierungen in den sozialen Netzwerken.

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Peter J. Smith for the Wall Street Journal

Seit Richard Price 1974 im Alter von 24 Jahren seinen ersten Roman veröffentlichte, standen im Zentrum seines thematischen Universums immer die Arbeit der Gesetzeshüter sowie die Umtriebe auf der anderen Seite des Gesetzes, die diese Arbeit überhaupt erst notwendig machen. Trotzdem wird er nur selten als klassischer Krimiautor bezeichnet, vielmehr häuften sich über die Jahre die Stimmen, sowohl bei der Käuferschaft wie auch im Feuilleton, dass sein erzählerisches Talent ihn längst über derartige Genrebegriffe hinausgehoben habe.

Dies liegt nicht zuletzt an der realistischen Qualität seiner Dialoge, für die Price von Anfang an gefeiert wurde und die bereits 1986 die Aufmerksamkeit der Filmindustrie auf ihn lenkte, für die er seitdem regelmäßig Drehbücher verfasst – wie beispielsweise Die Farbe des Geldes, das ihm 1987 eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Ebenso wirklichkeitsnah wie die Sprache seiner Protagonisten ist auch die moralische Landschaft, in der sie sich bewegen. Diese nämlich ist mitnichten von den üblichen Klischees der Kriminalgeschichte geprägt, vielmehr tun hier schlechte Menschen gute Dinge und umgekehrt, und nichts ist eindeutig schwarz oder weiß. Ganz eben wie im sogenannten echten Leben.

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