— Paragraphien

Apropos Delphin: Ich bin immer noch der festen Überzeugung, kürzlich Delphine Claire Belriane Seyrig im Südflügel des Querhauses der Abteikirche des Klosters Cluny umherspazieren gesehen zu haben, gekleidet wie in der Rolle der Fabienne Tabard, die sie in Truffauts 1968 entstandenen „Baisers volés“ spielte, was ich weitaus verwunderlicher finde als das ausgewachsene Pferd, das mich kurz zuvor aus dem Wohnzimmerfenster eines der die Zufahrtsstraße zum Klostergelände säumenden Häuser heraus anschaute, glasigen Auges, da Delphine Claire Belriane Seyrig schließlich bereits im Jahre 1990 in Paris, in gewisser Weise ganz natürlich und folgerichtig, an Lungenkrebs verstorben ist. Große Teile der Klosterkirche, deren dritte und letzte Version bis zu diesem Zeitpunkt das größte und exzessivste romanische Sakralgebäude der Welt darstellte, wurden hingegen bereits 1810 im Zuge der napoleonischen Profanisierungsbemühungen gesprengt und als Steinbruch für den Bau einer nationalen Pferdezucht genutzt.

 

Zuerst erschienen auf Aggiornamento

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Babylon

„Was soll das denn eigentlich sein, ein Gehirn?“

Wie sich selbst im saturierten Bonner Umland langsam die Flucht und der Verfall zeigen, die aufgelassenen Sandsteinvillen, neonfarben befleckt, mit Fensterläden, die nur noch in einer Angel hängen. Mitten darin wie ein feistes Geschwür der Komplex der Telekom Bonn-Beuel, zwischen den Jahren verwaist, nur im betriebseigenen Fitnessstudio ein einsamer Fahrradsimulationsnutzer. Über dem Portal eines zentralen, sich grau aufblähenden Gebäudes der Schriftzug „Life is Grand“. Direkt an der Bahntrasse stehen die Parkdecks leer, am Transformator wachsen große kreisförmige Grasformationen zwischen schon lange dort liegenden aufgerollten Kabelmänteln. Je weiter man sich von den Stätten der Bonner Republik entfernt, desto höher wird die Frequenz der leeren Ladenlokale und der mit Brettern vernagelten Fenster. In 50 Jahren dann, wenn das Phänomen der Shrinking Cities von seinem einen wuchernden Gegenteil aus den Weiten der Brandenburger Steppen heraus antithetisch eingeholt wird und beide sich an diesem ganz speziellen Schnittpunkt treffen, wird ganz Deutschland von Berlin bedeckt sein und man sich ärgern, dass „Germania“ schon so negativ belegt ist, wenn man einen neuen Namen für diese große gesamturbane Hure finden muss. Auch „Babylon“ wird dann leider schon wieder vergeben sein.

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Ich frage mich, ob Baudrillard jemals in München war. Natürlich ist es müßig, über das Artifizielle dieser Stadt zu schreiben, und natürlich ist es unmöglich, absolute Standortbestimmung betreiben, in welcher möglichen Welt auch immer, ist doch alles immer nur Su(b)je(k)t und nie mehr als konstruierte Position, Behauptung und Erzählung. Trotzdem – mehr ist nicht da, selbst wenn die Pfade einmal nicht verschneit sind. Wir hangeln immer nur in der Leere umher und setzen willkürlich Fahnen ins Grün. Oder berühren die Tatzen metallener Löwen nahe Kirchen, Parks und botanischer Gärten, unter weißblauem Himmel.

“Das geheimgehaltene Denken ist das entscheidende, hatte ich zu Gambetti gesagt, nicht das ausgesprochene, nicht das veröffentlichte, das mit dem geheimgehaltenen sehr wenig, meistens überhaupt nichts gemeinsam hat und immer ein viel niedrigeres ist, als das geheimgehaltene, welches doch immer Alles ist, während das veröffentlichte, wie wir wissen, nur das notdürftigste ist.” // Thomas Bernhard – Auslöschung

Von diesem gleißt die Sonne hinab und vor der Theatinerkirche schreit eine Frau umher, doch selbst diese Art der obligatorischen Stadterscheinung wirkt hier nicht authentisch, sondern viel zu gut gekleidet, viel zu professionell in der Performanz des Zeterns und damit viel zu verstörend im diskursiven Ensemble dieser wahrlich barocken Theatermaschinerie. [Siehe dazu auch Freud und die hölzernen Krokodile im dunklen Wohnzimmer.]

Im Franziskaner Weißbierhaus saßen kurz zuvor am gleichen Tag drei statt zwei kleine Italiener, die exakt so, wie man es erwarten würde, die bedirndelte Bedienung anraunzten, warum denn keine italienischsprachige Speisekarte vorhanden sei – welche diese dann natürlich umgehend reichte. Die drei kleinen Italiener trugen rot-weiß geringelte Mohairpullover, Pilotensonnenbrillen und mehr Gel als Haar; bestellten dann drei Halbe. Natürlich.

In der Vorhalle des Hauses der Kunst muss man aufpassen, nicht auf die Hände der Menschen zu treten, die auf allen Vieren aus den bis zu hausgroßen, rosa maikäferförm- und mustrigen Installationen der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama heraus- und in sie hineinkrabbeln; in den restlichen Räumen muss man aufpassen, nicht irrtümlich zu denken, dass man sich in die Wanddekorationsabteilung eines bekannten schwedischen Möbelhauses verlaufen hätte. Und dies gar nicht einmal ob der vielen Kinderwagen und Luftballons.

[…]

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Nachtleib

Cinema is the ultimate pervert art. It does not give you what you desire. It tells you how to desire. // Slavoj Žižek

[…] Sie sinkt herab, bricht herein, steigt gelassen an Land, die Nacht, Tochter des Chaos. (…) Wir wissen heute, dass die Periodizität der Nacht aus der Rotation der Erde um ihre eigene Achse entsteht. Diese Rotation hat nichts mit ‹Zuneigung› zu tun, nicht einmal mit der Sonnen-Anziehung, die durch die Laufbahn um die Sonne abgelenkt werden könnte, sondern sie rührt aus ihrem eigenen Innen her: Die Eigenrotation, anders gesagt, die Wanderung der Nacht um die Erde, ist Ergebnis ihrer inneren Verdichtung – und Verdunklung – aus Gasen zu Klumpen. Wohl für die Periodizität der Nacht, nicht aber für die Dunkelheit selbst ist die Rotation entscheidend. […]

Heinz-Gerhard Friese – Die Ästhetik der Nacht

 

>> [ The Pervert’s Guide ] / [ Senses of Cinema ] / [ Spielboden ]

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In the Woods

„Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, dass sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voller Abscheu warf ich sie zum Fenster hinaus.“

Henry David Thoreau – Walden

>> [ Cabin Porn] / [ Life in the Woods]

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